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Nur noch fünf Wochen bis Berlin. Jeder Trainingsplan schreibt vor, dass zu gegebener Zeit lange Läufe durchgeführt werden müssen, damit das Ziel, den Marathon auch bis zum Ende laufen zu können, nicht ganz unerreichbar bleibt.
Der erste "lange Lauf" - damit sind Distanzen über der magischen dreißig Kilometermarke gemeint - soll heute sein. Start und Ziel ist der Bahnhof in Bitburg-Erdorf. Das zweimal zu überwindende Hindernis sind die etwas mehr als 15 Kilometer zwischen Erdorf und dem Bahnhof Speicher.
Es ist Sonntag Morgen, viertel vor neun - was für eine unchristliche Zeit. Es hat 14 Grad und ich überlege ob ich einer Jacke laufen soll oder ohne – ich entscheide mich für mit und das war, im Nachhinein betrachtet, ein Fehler. Aber nachher ist man immer schlauer. Für die Zukunft setze ich die Temperaturgrenze auf 10 Grad. Alles was drüber ist wird in kurzen Klamotten gelaufen. Es ist noch trocken, aber die Wolken am Himmel versprechen Kühlung von oben. Los geht's. Wer glaubt, der Kylltalradweg sei, da er ja an der Kyll liegt, ein gemütlicher sich dahin schlängelnder Teerstreifen, den muss ich bereits hier enttäuschen. Das Stück von Erdorf bis Hüttingen (4,3 km) hat es in sich. Zunächst geht es mal 60 Höhenmeter fast nur bergauf um dann wieder 90 Höhenmeter zu verlieren. Zwischendurch gibt es ein Stück, an dem sogar Radfahrer aufgefordert werden, abzusteigen: 25% Gefälle !! Nicht gelogen ... WER baut solche Radwege? Ab Hüttingen wird es dann flacher, aber nicht besser. Der Radweg geht durch den Ort, über die Hauptstrasse, dann auf alten Bahntrassen weiter, ausserdem haben die hier Hunde die nicht nur bellen. Es sollte übrigens nicht der letzte Hund sein, dessen Herrchen schon mal im Geiste die Hundebiss-Versicherungs-Police suchte. Aber warum bin ich denn so beunruhigt? Die tun nichts, die wollen doch alle nur spielen ... In Philippsheim ist ein Drittel der Strecke schon geschafft. Es geht vorbei am herrlichen alten Bahnhof, dann ein Stückchen durch’s Dorf. Hinter Philippsheim ist der Radweg nicht mehr geteert. Ein festgefahrener schmaler Waldweg muss hier dem Radfahrer reichen. Es geht vorbei an der Fischerhütte mit der Möglichkeit, per handbetriebener Flossfähre überzusetzen.
Ein paar hundert Meter weiter, an der Speicherer Mühle, können sich durstige Radler ein Bierchen gönnen.
Der Radweg geht ganz nah an der Kyll vorbei, man kann praktisch rein spucken. An anderen Stellen ist die Kyll weder zu hören und zu sehen, dafür pfeift dann ’ne Regionalbahn zwei Meter an einem vorbei. Alles sehr anschaulich und abwechslungsreich. Nach ein paar Kurven. Der Bahnübergang bei Speicher kommt in Sicht. Von hier ist es noch ein knapper Kilometer bis zum Wendepunkt auf der Kyllbrücke hinter dem Speicherer Bahnhof. Der ist genau wie Erdorf und Philippsheim wie eine kleine Burg gebaut und einfach schön anzusehen. Nur noch wenige Meter bis zum Wendepunkt. 1:40 h für die 15,3 km. Bis hierhin ging es erstaunlich gut; vor allem: das Wetter spielt mit und die Jacke erweist sich als zusätzlicher Ballast.
Den Rückweg geh ich etwas schneller an. Ich versuche den Puls zwischen 150 und 160 zu halten - Wettkampftempo sozusagen. Das gelingt ziemlich gut und bei jedem Teilstück, also von Bahnhof zu Bahnhof bin ich etwa ein bis zwei Minuten schneller als auf dem Hinweg, obwohl es ja den Kyllradweg ’rauf geht. Nach 30,6 km und 3:12 h (6:16 min/km) bin ich zurück in Erdorf und es geht mir erstaunlich. Ich hätte durchaus noch was dran hängen können. Ob das nächstes Wochenende auch so gut läuft? Ich zieh mich jedenfalls zurück in mein „Basiscamp“ in Willsecker und leg erst mal die Beine hoch. Wie man sich bettet so ruht man ...
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