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Eintrag vom 24.09.2006:
Liebe Leserinnen und Leser. Fast ein ganzes Jahr habt Ihr dieses Tagebuch verfolgt und mal mehr oder weniger gute Berichte gelesen. Einen bin ich euch noch schuldig. Der Bericht über "den Lauf meines Lebens", der Bericht über meinen ersten Marathon, der Bericht über den letzten Septembersonntag in Berlin.

Fast ein Jahr habe ich auf diesen Tag hingearbeitet, habe Bücher von Laufexperten gelesen, habe Socken und Schuhe getestet, bin zum Ernährungsprofessor geworden, kann anhand von Pulsschlag, Aussentemperatur und Gegenwind meine Geschwindigkeit auf ein zehntel Meter pro Sekunde berechnen, habe dieses Jahr von Januar bis September über 800 km in den Beinen, dabei fast 75.000 Kalorien verbrannt (das entspricht der Energie von etwa 8 kg Körperfett), habe Ratschlägen von anderen Läufern angehört um heute die Strecke von 42.195 Metern zu bewältigen. Es ist etwas Großes, einmal einen Marathon laufen. Sich ein Ziel zu stecken und es zu erreichen. Jetzt, im Nachhinein, kann ich sagen, dass das Erlebnis und das Hochgefühl, dass einen nach dem Lauf beschleicht, die ganze Arbeit wert sind. Ich kann nur jedem, der gesundheitlich auf der Höhe ist empfehlen, es einmal zu tun. Jetzt, fast vier Monate nach dem Lauf zehre ich immer noch davon, es macht stolz, selbstbewußt und motiviert für die vielen Aufgaben, die an einen herangetragen werden ...

Der Sonntag Morgen erwacht mit einem grandiosen Sonnenaufgang. Der Tag wird schön und warm. Gefrühstückt wird Toast mit Honig. Einfache Kohlenhydrate, die schnell verdaut sind und ins Blut gehen. Um 9.00 Uhr ist der Startschuss. Dagmar und ich machen uns gegen halb acht auf den Weg. Rike und Michael werden später an die Strecke kommen und uns anfeuern, sofern wir uns auch sehen werden. 40.000 gemeldte Läuferinnen und Läufer. Geschätzte eine Million Zuschauer an der Strecke, da muss man schon ganz genau aufpassen um die seinen nicht zu verpassen.

In der U-Bahn ist schon viel Betrieb, viele sind mit dem real-Kleiderbeutel unterwegs, die gestern und vorgestern auf der Messe verteilt wurden. Man sieht nur noch rot-weiss-blau, die Farben des 33. real-Berlin-Marathons. Am Hauptbahnhof gegenüber dem Kanzleramt und dem Reichstag herrscht Hochbetrieb. Bei herrlichem Wetter trifft sich einer der größten internationalen Lauftreffs am Sonntag Morgen auf der Straße des 17. Juni. Auf Berlins Straßen haben in der Tat 40.000 Läufer Platz.

Der Aktivenbereich ist abgesperrt, an den Eingang macht die Bundeswehr freundlich aber bestimmt Kleidersack- und Gesichtskontrolle. Man fühlt sich beschützt aber nicht belästigt und der freundliche Obergefreite wünscht einen angenehmen Tag. Es herrscht ein Getümmel wie beim Sommerschlussverkauf bei C&A in Köln. Himmel und Menschen - was wollen die alle hier? Ich überleg, ob ich jemals so viele Menschen gesehen hab ... ja: Dortmund Westfahlenstadion. Aber die waren da besser sortiert und die meisten in schwarz-gelb ...

Schnell sind die beiden Schenker-LKW gefunden, wo wir die Kleiderbeutel abgeben und uns dann Richtung Startblock H (wie "H"inten) aufmachen. Is echt so. H ist der allerletzte Startblock. Vor uns sind also ca. 40.000 Konkurrenten. Wenn ich Weltrekord laufen wollte, dann müsste ich die alle in guten zwei Stunden überholen. Das wären dann also etwa 5,5 pro Sekunde, an denen ich vorbei fliegen müsste. Haile Gebreselassie, der kleine Äthiopier, hat es da einfacher, der steht schon ganz vorn, obwohl das auch erst sein 5 Marathon ist ... die Welt ist einfach ungerecht ... "Die Kleinen nach vorn" ...

Es ist noch etwas Zeit bis zum Start. Stimmengewirr in vielen Sprachen, die Veranstalter nennen eine Zahl von über 160 teilnehmenden Nationen, die stärkste nach den Gastgebern sind die Dänen mit über 3.000 Teilnehmern - in rot und weiß gekleidet, die meisten Holländer unübersehbar in orange und Supermann in blau-gelb-rot. Auch die Nähe der osteuropäischen Staaten bemerkt man an den Vereinstrikots der Mitläufer: Polen und Russen sowie Tschechen und Bulgaren. Das Laufpublikum ist internationaler als bei anderen Veranstaltungen: Puerto Rico, Brasilien, Canada, Norwegen, Peru ... und unter "ferner liefen" sind zu nennen: einer aus Burundi, einer aus Sierra Leone, die sogar das Ziel erreichten, während ihr Kollege aus Eritrea leider das Ziel nicht sah ... da muss ich jetzt ehrlich zugeben, wenn mir jetzt jemand ne Weltkarte vorlegen würde, ich könnte nicht sagen wo die Länder genau liegen - muss man das wissen?

Ziemlich pünktlich um 9.00 fällt ganz weit da vorne der erste Startschuss, die gelben Luftballons steigen in den Himmel. Aber bei "H" wie "h"inten tut sich nichts ...

Die Stimmung und der Geräuschpegel erreicht fast Orkanstärke. Nur langsam setzt sich das Feld in Bewegung. Während die Kenianer schon bei km 7 oder 8 sein dürften, kommt auch der Tross hier hinten so langsam Richtung Startlinie in Bewegung. Es dauert erstaunliche 20 Minuten, bis wir aus dem letzten Startblock über die Startlinie gehen.

Jetzt geht's los. Freudige Erregung und Spannung macht sich breit. 42 Kilometer - das ist weit. Der weiteste Trainingslauf war von Biewer aus zur Riveristalsperre, dort einmal drumrum und wieder zurück. 36 km, da war ich ganz schön platt hinterher. Und jetzt noch 7 km mehr - "schau'n mer mal ..."

Den eigenen Laufrhythmus findet man so schnell nicht. Dafür ist die Läuferschar viel zu dicht gedrängt, kaum ist mal Luft, man wird überholt, man zieht das Tempo und man drosselt wieder, weil jetzt vor uns die 6 Mitglieder vom Lauftreff Soundso gemütlich und in einer Reihe laufen. Schnelle Strecke also eher nur für die Eliteläufer. Die ersten fünf bis sechs Kilometer passiert recht wenig. Die langen, breiten Geraden, die teilweise leicht abschüssig sind, bieten einem ein eindrucksvolles Bild: die Köpfe der hunderte Läufer und Läuferinnen bewegen sich alle chaotisch auf und ab, es erinnert an einen Ameisenhaufen. Ein Getümmel ohne Sinn und Verstand meint man. Es ist schwer mit Worten zu beschreiben, aber diesen Anblick muss man mal live erlebt haben ...

An der ersten Verpflegungstelle nach fünf Kilometern herrscht Hochbetrieb, aber trotzgelingt es uns Wasser und Banane zu erwischen. Besonders auf das Trinken habe die Veranstalter und Rennärzte hingewiesen. Es ist warm, der Körper verliert über Atem und Schweiss jede Menge Flüssigkeit, die unbedingt wieder ersetzt werden muss.

Die erste Schleife ist geschafft. Es geht vorbei am neuen Hauptbahnhof und dem Kanzleramt. Nur wenige Meter rechts von uns fiel vor einer knappen Stunde der Startschuss. Plötzlich hör ich jemand unsere Namen schreien "DAGMAR! THOMAS!". Michael und Rike haben sich in der Nähe des Friedrichstadtpalast postiert. Wir sind schon fast vorbei und hätte sie fast nicht gesehen weil wir links auf der breiten Strasse laufen und die beiden rechts am Strassenrand stehen. Rike hat den Finger auf dem Auslöser, sodass dann doch der ein oder andere Schnappschuss gelingt.

Nach 10,5 km geht es vorbei am 365 m hohen Fernsehturm und dem Alexanderplatz. Unter der Jannowitzbrücke (12 km) haben sich „strategisch günstig“ Trommler postiert und machen einen Lärm, dass einem die Ohren zufallen. Weiter geht es zur Hasenheide mit dem Jahndenkmal (16 km) und zu den Yorckbrücken (19 km), unter 31 Eisenbahngleisen durch.

Es läuft gut, das Wetter spielt mit und die Berliner sind einfach Klasse. Hunderttausende stehen am Strassenrand und feuern uns an. Auf einem Balkon hat eine etwas beleibte junge Frau Musikanlage und Boxen aufgebaut und beschallt den ganzen Stressenzug mit Tecno. Ich hoffe, sie hat genug Kondition ... uns geht es prima. Dagmar als "alter Marathon-Hase" läuft ihr Rennen und ihr Tempo. Sie hat den Vorteil zu wissen, was am Ende noch so kommt. Bei mir wächst die innerliche Spannung ob das am Ende alles so kommt, wie ich mir es vorstelle. Unser Tempo ist ziemlich konstant bei 33 bis 34 Minuten pro 5-km-Abschnitt.

Grunewaldstrasse in Schöneberg - Halbzeit - 21,1 km - Beim Bund hiess es zur Hälfte "Bergfest", von hier an geht es bergab. Unweigerlich zählt man Rückwärts: nur noch 21 - nur noch 20 - noch 19 ... Unser Tempo bleibt weiter konstant während bei anderen die Kondition wohl nicht die beste ist. Wir überholen immer mehr und einmal kommt vor uns ein T-Shirt in Sicht, auf dessen Rücken ein Lauftreff aus Mehring seine Teilnahme hier in Berlin verewigt hat. Beim Vorbeilaufen rufe ich der Frau zu "Trier grüßt Mehring" und als ich ihr erschöpftes Gesicht sehe versuche ich sie aufzumuntern "Es ist nicht mehr weit, wir sind doch schon bei Kilometer 23" worauf sie meint, dass sie schon bei Kilometer 19 aufgehört habe zu laufen ... Sie wird es trotzdem schaffen, ich bin mir sicher. Wer hier nicht "finished" der hat ein ernsthaftes Problem und muss aussteigen. Sich zu motivieren fällt hier wirklich leicht.

Rechts passieren wir das Schöneberger Rathhaus, dem Platz an dem John F. Kennedy die berühtem Worte "Ich bin ein Berliner" gesprochen hat. Die Stadt trieft nur so von Geschichte. Hier ist soviel Grausames aber auch soviel Schönes passiert, wenn man an den 09.11.89, dem Tag der Maueröffnung denkt. Ost und West sind jetzt verwachsen, nur wenige Orte erinnern an die ehemlige geteilte Stadt.

Wir nähern uns dem "Wilden Eber" (km 28), der Stelle, die Luftlinie gesehen am weitesten entfernt ist von der Ziellinie. Hier tobt die "Hölle Hölle Hölle". Samba-Rhythmen, Cheerleader in kurzen Röckchen und knappen Tops, Tausende von Zuschauern links und Rechts - Herz was willst du mehr. Von hier aus geht es ziemlich direkt zurück ins Zentrum.

Es ist heiß, inzwischen ist es 12.00 vorbei und die Sonne brennt. Jede Stelle an der Wasser egal in welcher Form angeboten wird wird genutzt, die Mütze getaucht, den Schwamm vollgesogen und unter Duschen durchgelaufen. Dagmar und ich sind patschnaß, nicht von Schweiß sondern von Wasser - kühlen - kühlen - kühlen. die Strassen sind breit und die Häuser stehen zu weit weg als dass sie Schatten spenden könnten. Vereinzelt stehen Bäume und jeder Meter Schatten wird genutzt um nicht in der prallen Sonne laufen zu müssen.

In mir wächst die Ungeduld. Noch gute 12 km und ich hab nicht das Gefühl schlapp zumachen oder einzubrechen. Der Puls bewegt sich bei etwa 150 Schlägen. Da wären noch Reserven ... 4:30 h sind als Zielzeit noch drin und ich frag Dagmar ob sie auch noch einen Schritt zulegen kann. Der Mann mit dem Hammer, der bei Kilometer 30 zuschlagen soll hat wohl Mittagspause. Nach kurzer Abspache gibt mir Dagmar das OK, die 4:30 zu versuchen. Sie würde sich schon nicht verlaufen, es ginge ihr gut und ich soll endlich loslaufen ...

Also ziehe ich los. Kurfürstendamm, Gedächtniskirche, der Tauentziehn mit KaDeWe. Potsdamer Platz, Leipziger Strasse es geht dem Ziel entgegen. Noch drei Kilometer und die Zeit läuft davon. An der Museumsinsel beim Dom und der Ruine des Palasts der Republik stehen Rike und Michael und feuern mich an. Letzte Motivation. Letzte Linkskurve. Die letzten beiden Kilometer. Unter den Linden liegt im Schatten, weit hinten steht das Brandenburger Tor wieder in der Sonne. Ein geiles Gefühl - Gänsehaut. Die Uhr zeigt 4:30 h und es fehlen "nur" noch 500 Meter - 500 Meter? Das heißt es sind schon 41,7 km hinter mir. Vor mir das Brandenburger Tor. Ich werde es schaffen - der erste Marathon. Unter dem Tor verstehe ich was hier passiert. Es ist überwältigend. Hinter dem Tor: Die Zielgerade. Das 42-Km-Schild - knappe 200 Meter noch. Links und rechts sind Tribünen aufgebaut vorne der Zielbogen. Ich geniesse die letzten Meter, Freude macht sich breit. Ziel. Uhr Stop. Aus und Vorbei. Geschafft, fertig, glücklich - wo bleibt Dagmar?

Die Helfer bitten die Läufer weiter zu gehen. Ich bekomme ne Folie gegen das Auskühlen. Auskühlen? Es sind bestimmt über 20 Grad. Trinken! Ich muss trinken, es gibt Iso, Tee, Wasser ... eine Helferin hängt mir die Medaille um ... es werden Obst und Kekse angeboten. Ich gehe umher, schaue die anderen Teilnehmer an, einige Jubeln laut, andere geniesen still. Dann kommt Dagmar ins Ziel, kurze Umarmung und Glückwunsch-Bussi. Auch ihr sehe ich die Freude und das Glücksgefühl an. Bei mir wird es Wochen anhalten ...



Der Berlin-Marathon ist jetzt knappe vier Monate her. Einzelheiten verblassen, aber es gibt Momente die unvergesslich sind. Danke an Rike, Michael und Dagmar, die mich auf dem Weg dahin begleitet haben - jeder auf seine Weise.

Ich hoffe, dass ich euch Lesern einen Eindruck verschafft habe, was das "Abenteuer Marathon" ausmacht. Danke für's Mitlesen und dem positiven Zuspruch in der Zeit.

Ich werde es wieder versuchen:

13. Mai 2007 - 2. Saarbrücken Marathon
(http://www.saarbruecken-marathon.de/)

Kommt Ihr mich anfeuern?

Thomas