|
Fast schon traditionell findet am Tag vor dem Marathon der sogenannte "Frühstückslauf" statt.
Jeder der will, darf mitlaufen. Treffpunkt und Start und ist das Schloss Charlottenburg. Von da aus geht es ohne große Schleifen zum Olympiastadion. Wohl gemerkt, es ist nur der Frühstückslauf, kein Wettkampf sondern ein gemütliches Treffen Laufbegeisterer.
Der Samstag Morgen bringt wie gestern Sonne pur. Dagmar und ich machen uns gegen 9.00 Uhr auf den Weg. Drei Strassen weiter stehen schon Polizisten mit Motorrädern, bereit die Kreuzung zu sperren wenn die Karavne sich nähert. Von weitem hört man schon den Moderator, der gute Laune verbreitet und Stimmung macht, was aber überhaupt nicht notwendig ist. Eine unglaubliche Menschenmenge hat sich versammelt und wohin man blickt sieht man in Gesichter mit gespannter Vorfreude. Bewaffnet mit Hupen, Knarren, Fahnen, Luftballons oder Transparenten ziehen sie durch die Strassen- is ja fast wie Karneval, nur ohne Alkohol und Zigaretten. Die Anspannung schlägt um in Übermut und Ausgelassenheit. La Ola -wellenförmig verbreitet sich dieser Ausdruck überschwappender Begeisterung! Ist das toll, hier, mittendrin. Fussgänger bleiben staunend am Strassenrand stehen; Bewohner verlegen spontan ihr Frühstück auf die Balkons um dem Treiben zuzusehen.
3 - 2 - 1 - heeeyyyy - die nächste LaOla rollt durch das Feld. Meter für Meter nähern wir uns dem Olympiastadion. Schon von weitem sieht man die beiden großen Türme zwischen denen die olympischen Ringe hängen.
Es geht in einem kleinen Bogen links am Stadion vorbei zum Marathontor des Stadions. Bereits in den Katakomben, im tunnelartigen Zubringer hin zum Marathontor ein ohrenbetäubendes Jubeln, Pfeiffen, Schreien und rhythmisches Klatschen. Dann wird es hell, das Stadionrund öffnet sich: Einlaufen auf die berühmte blaue Tartanbahn. Eine Runde im legendären Olympiastadion - ein unbeschreibliches Gefühl. Man sieht verklärte Gesichter, Tränen der Begeisterung in den Augen; diese einzigartige Atmosphäre macht Gänsehaut. Man sieht einige Läufer auf der Bahn knieend den Belag küssen! Es muss ein wahnsinniges Gefühl für die Italiener gewesen sein, hier Weltmeister zu werden. Sich vorzustellen, die Ränge sind voll besetzt, alles jubelt. Welche Größen des Sports haben hier schon ihre Erfolge gefeiert! Es läuft einem kalt den Rücken runter!
Nach der Runde im Stadion geht es die große Treppe raus Richtung Maifeld, dann links herum neben das Stadion. hat zum Frühstück eingeladen. Hat schon mal jemand versucht 11.000 Leute gleichzeitig zu versorgen? Hat schon mal jemand erlebt, was Menschen alles tun, wenn es was umsonst gibt, das aber nur begrenzt vorhanden ist? Ein Gedrängel, ein Kampf als ob es nie mehr was zu essen gäb ... ich entschuldige das mal mit dem Schuss Adrenalin, den jeder im Blut hat.
Als dann alle so gut wie möglich versogt sind, wird es doch noch ein gemütliches Picknick und Entspannung in der warmen Septembersonne. Die beste Einstimmung auf den Lauf morgen. Herrlich ...
Der Rückweg ist wie alle Wege in Berlin mit der U-Bahn recht schnell erledigt. Jetzt steht noch der Pflichtbesuch der Messe auf dem Programm. Startunterlagen abholen, Champion-Chip zur Zeitmessung registrieren lassen, sich gucken und vielleicht ein bischen Shoppen. Die Messe ist nur 150 Meter Luftlinie von unserer Wohnung entfernt, der Fussweg weniger als ein Katzensprung (im Vergleich zum Fussweg morgen). Vor den Kassenhäuschen mit den Leih-Chips habe sich riesiege Schlangen gebildet. Gut, dass wir unsere eigenen Chips haben, so können wir an der Schlange vorbei und direkt rein in die Messehallen.
Der erste Stand, dierekt in den Weg gebaut, ist der Berlin-Souvenir-Shop; daneben ein Popkornstand der duftet wie man es von jeder kleinen oder großen Kirmes kennt. Die Hinweisschilder "Registration" zeigen, dass sie sich in der Halle ganz hinten befidnet - clever - muss man so durch alle Hallen durch und an den vielen Verkaufs- und Werbeständen der Sportindustrie vorbei. Sie sind alle da: die großen wie Adidas, Nike, Asics wie auch die kleinen. In einer Halle ist eine Show-Bühne aufgebaut, wo gerade schwarze Jungs ihre Interpretation von Break-Dance zum besten geben. Wir kämpfen uns weiter durch die Hallen. Um in die "registration-area" zu kommen müssen wir unsere Anmeldebestätigung, die schon vor ein paar Wochen per Post verschickt wurde, vorzeigen. Dann heist es, die Schlange zu finden, an der ich mich anstellen muss um meine Startnummer und die übrigen Sachen abzuholen. Überraschenderweise ist da gar keine - ich komme direkt dran und eine der freundlichen und zahlreichen Volunteers (engl. sprich WOLLENTIER), so nennt man freiwillige Helfer auf Neudeutsch, reicht mir meine -Tüte.
Und was da alles drin ist! Ist ja fast wie Weihnachten! Mal abgesehen von der Startnummer haben die auch einen kleinen Schwamm reingetan, dabei will ich doch überhaupt nicht mein Auto waschen!? Ein gelbes Schweissarmand mit Smart-Aufnäher, der neue Rasierer von Gilette, einer von denen, bei denen Mann gleich 5 Pflaster braucht wenn sich die 5 Klingen in der alten runzeligen Haut verkanten ... Aua ... Was ist noch drinne? Ein kleines Deo von Adidas, Probepäckchen von Fischermans Friend und Werbung, Werbung, Werbung. Jetzt noch schnell den Chip registrieren lassen und dann wär das Plichtprogramm erfolgreich absolviert. Am Chip-Schalter ist ne kleine Schlange, aber nicht der Rede wert. Kurzes "PIEP" vom Scanner, kurzes "OK" von einem weiteren Wollentier, und fertig. Jetzt steht dem 42.195 m langem Vergnügen fast nichts mehr im Weg ... doch ... das Wetter - es soll heiß werden. und ich hab nur dunkle T-Shirts dabei. Das könnten die entscheidenden Schweißtropfen werden, die am Ende das klägliche Scheitern verursachen können. Da muss doch hier auf der Messe was zu finden sein ... Ist auch so, ein Singlet von Asics in weiß ergänzt meine Laufoutfit.
Jetzt endlich ist auch Zeit, sich mal die gerade laufenden Wettbewerbe und das Zentrum anzusehen. Die Inliner machen die Stadt unsicher ... mit einem Affenzahn rasen sie durch die Häuserschluchten - Hut ab ...
Am Abend vor dem Lauf nimmt der Mara-Toni ein bescheidenes Mahl zu sich, beschränkt auf Kohlenhydrate und viel Flüssigkeit. Dazu sucht er in der Regel ne Pizzeria auf, isst Nudel und trinkt dazu ein Alkoholfreies Weizenbier. Wer allerdings fremd in einer Stadt ist, und nicht gerade die Kneip-Kultur der Hauptstadt kennt, sollte sich Rat einholen, von einem Ortskundigen, besser "einer" Ortskundigen. Rikes Cousine wohnt in Berlin, und schleppt uns in eine 1A Pizzeria in einer Nebenstrasse der Friedrichsstrasse. Es ist sozusagen die Henkersmahlzeit: nur noch 12 Stunden bis zum Startschuss ... |