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Eintrag vom 21.06.2006:
Der MONT VENTOUX liegt etwa 50 km Luftlinie nordwestlich von Avignon und steht ziemlich alleine weit und breit in der Gegend herum. Sein Gebirgszug zieht sich wie für die Provence typisch von west nach ost und ist mit seinen 1912 Metern Höhe aus allen Himmelsrichtungen weit sichtbar.

Er wurde aufgrund seiner vielfältigen Landschaftsbilder sowie einmalig vielfältigen Flora (Mittelmeerpflanzen, Lärchen- und Tannenwälder usw.), die mit seinen kahlen Gipfeln in einem lebhaften Kontrast stehen, von der UNESCO als Biosphärenschutzgebiet anerkannt.
Majestätisch, wüstenähnlich und windig auf seinem Gipfel, so entbietet sich dieses große Steinfeld dem Betrachter als eine besondere Welt mit ungewöhnlichen landschaftlichen Erscheinungsformen.

Alle paar Jahre steht er auf dem Programm der Tour de France und ist dem begeisterten Radsportler gut bekannt, mit der Folge, das sich Scharen von Hobby-Radfahrer, vornehmlich Niederländer, den Berg rauf quälen um Tom Simpson zu huldigen.

Simpson gilt als einer der besten britischen Radprofis aller Zeiten, hat traurige Berühmtheit aber vor allem durch seinen tragischen Tod an den Hängen des Mont Ventoux während der Tour de France 1967 erlangt. Simpson war beim hitzeflirrenden Anstieg zu dem legendären Provence-Riesen kollabiert, stieg noch einmal aufs Rad, um wenige Augenblicke später erneut - und diesmal endgültig - das Bewusstsein zu verlieren. Im Nachhinein wurde ermittelt, dass Simpson zuvor einen Amphetamin-Cocktail zu sich genommen hatte. Ein Jahr zuvor waren erstmals Doping-Kontrollen bei der Tour durchgeführt worden. Heute steht zu seinem Gedenken ein Grabstein an der Stelle, wo er kollabierte, an dem viele Radfahrer, die den Mont Ventoux in Angriff nehmen, etwas zurücklassen (Trinkflaschen etc.) ...

Drei Jahre später gewann der berühmte Eddy Merckx auf dem Weg zu seinem zweiten Toursieg die Ventoux-Etappe. Er hatte sich beim Anstieg aber so verausgabt, dass er nach dem Ziel einen Schwächeanfall erlitt und Sauerstoff verabreicht bekommen musste. Auch vielen Radamateuren wird der Berg zum Verhängnis: jährlich sterben nach Angaben der örtlichen Behörden ca. 10-20 der sich am Berg versuchenden Sportler durch Überforderung oder Unfälle.

Malaucène am östlichen Fuss des Berges ist der Ausgangspunkt für das Abenteuer "Lauf auf den Mont Ventoux". Fast direkt am Ortsausgang steht der Kilometersteine Nr 56 der "route departementale 974" (oder kurz D974) die auf dem Teilstück zum Gipfel rückwarts zählt. Er markiert auf 363 Metern über Meereshöhe den Beginn des Aufstiegs zum "Riesen der Provence". Die letzen Häuser im provencalischen Stil stehen links und rechts der Straße die vom für die Provence typischen Bild von Äckern und Wiesen, Zypressen und einzelnen Maulbeerbäumen gesäumt wird. Die Strasse hat hier bergauf eine eigene Spur für Radfahrer, die wie eine Busspur mit grünen Pfeilen markiert ist; aber von Radfahrern ist jetzt um 20 nach zwei weit und breit nichts zu sehen. 500 Meter hinter dem Ortsende liegt etwas abschüssig von der Straße die Chapelle de Groisseau aus dem 12ten bis 13ten Jahrhundert. Nach den ersten 4 Prozent auf den ersten hundert Metern ist die Straße hier recht flach.

Heute Morgen sind Rike und ich die Strecke einmal abgefahren. Hier unten waren es da bei dicker Wolkendecke "nur" 27 Grad und bis oben ist es dann bei Nieselregen auf 13 Grad abgekühlt. Allerdings haben sich jetzt um kurz vor halb drei alle Wolken verzogen und es sind mindestens dreissig Grad. Mit Rike habe ich als Zielzeit 18.00 abgemacht, das wären dann etwa 3:40 h - die Simulation der Steigungen auf dem Laufband waren jeweils drei Etappen zu sieben Kilometern im klimatisierten Studio - ob 3:40 h reichen?

Nach 800 Metern liegt links die Quelle der Groisseau, einem kleinen Bach. Rechts der Straße ist ein Café vor dem Leute sitzen und mich verdutzt ansehen - Noch nie 'nen Jogger gesehen? Fast gleichzeitig überholt eine schwarzer Erlkönig von BMW. Die testen wohl 'ne neue Entwicklung - geiler Job, Auto testen in der Provence, ich glaub ich bewerb' mich mal bei BMW ...

Der zweite Kilometerstein steht rechts an der Straße und kündigt die durchschnittliche Steigung des nächsten Kilometers an: 9,3 %. Die Zeit bis hierhin liegt bei 18:30 min. Obwohl links und rechts der Straße Kiefernwälder stehen werfen sie wenig Schatten auf die Straße. Es ist wahnsinnig heiß und der Puls geht bei der geringsten Bewegung schnell auf über 170 Schläge die Minute. Kilometer drei passiere ich bei 29 Minuten. Eine Gruppe von sechs bis acht Motorradfahrer zieht ihre Kurven den Berg rauf, den Gasgriff am Anschlag. Ich heb den Arm zum Gruß und sie grüßen auch zurück. Ich freue mich auf den September, wenn wir am Anfang unserer Motorradtour die Etappe Avignon-MontVentoux-Manosque zurücklegen - Spaß pur ... und weniger anstrengend ...

Wasser! Wasser! Wasser! Die Sonne brennt gnadenlos und der Himmel ist immer noch wolkenlos. Dementsprechend heiß ist es. Ich habe das rote Laufshirt ausgezogen und an den Wassergürtel gehängt, an dem die inzwischen fast leeren Wasserflaschen kaum noch ins Gewicht fallen. Mein Wasser ist bis auf einen Schluck, der schon pisswarm (entschuldigt bitte den Ausdruck) ist, aufgebraucht. Nach gut einer Stunde erreiche ich "La tete de mines", ein Biosphären-Reservat. Mit etwa 4,6 % eine recht flache Stelle der Strecke an der ich rechts von mir, also in südlicher Richtung, die Vaucluse-Berge und den Luberon sehen kann. Ich bin bereits auf 854 Meter über NN und habe eine herrliche Aussicht die mich ein wenig die Wassersorgen vergessen läßt. Bei Kilometerstein 48, also nach 8 km haben wir heute morgen eine Wasserflasche und einen Müsli-Riegel "verbuddelt" und mit Steinmännchen gekennzeichnet. In gut 10 Minuten gibt es Wassernachschub, sofern kein holländischer Radfahrer oder ein verirrter Wanderer die Flasche gefunden hat. Sollte das der Fall und die Flasche weg sein, muss ich aufgeben - ohne Wasser weiter zu laufen wäre glatter Wahnsinn - aber ist es das nicht sowieso? Mir kommen Zweifel ... nach einem Drittel der Strecke habe ich bisher noch kein einziges Mal den Gipfel sehen können - es hat mich aber immer noch kein Radfahrer überholt.

Nach 1:18 h erreiche ich den ersehnten Kilometerstein. Das Steinmänchen steht noch und auch die Wasserflasche und der Müsli-Riegel sind noch da - Freudentränen kullern mir die Backen herunter. Zuerst fülle ich die Wasserflaschen am Gürtel auf; der Müsli-Riegel ist ganz schön weich, ich kann ihn fast ohne zu kauen runter schlucken. Das Wasser ist erstaunlicherweise recht kühl. Gute 650 Höhenmeter hab ich jetzt schon hinter mir aber die Luft wird merklich dünner. Vor mir liegt jetzt das steile Stück rauf zum Skigebiet Mont Serein.

Es ist erstaunlich, was einem auf so einer Landstrasse alles geboten wird. Seit dem Ortsausgang bei Malaucene stehen weiss-orange Hütchen von der Strassenmeisterei am Strassenrand. Die Markierung der Radspur bergauf wurde erneuert. Irgendwie schaffen es doch einzelne das Kunststück, weiße Reifenspuren parallel zu den neuen Strassenmarkierungen zu machen ohne die Hütchen umzuwerfen. Ein paar Meter weiter sitzen Holländer mit Klapptisch, Klappstuhl und Sonnenschirm am Strassenrand und zählen Autos, oder Radfahrer oder was weiß ich was ... vieleicht hören sie auch nur den Zikaden zu ...

Etwas weiter steht am Strassenrand ein Kreuz mit frischen Blumen. Francois ist hier am 2.8.2000 bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. "Souvenir de ses amis motards" - In Gedenken, seine Motorradfreunde. Der Berg hat auch seine gefährlichen Stellen und im September werde ich hier anhalten und Francois um seinen Schutz für unsere Tour bitten ...

Die Sonne hat sich erfreulicherweise hinter ein paar dünnen Schleierwolken verzogen und es kühlt merklich ab - von 42 in der Sonne auf 31 Grad im Schatten - mir läuft der Schweiß nur so herunter. Ich bespritze mich mit dem restlichen Wasser aus der Flasche und klemme die leere Flaschen an den Gürtel. Es ist noch ein gutes Stück bis zum Parkplatz an der Skistation und ich muss mit dem Wasser haushalten. Wer konnte denn heute morgen ahnen, dass es so heiß wird.

Kilometerstein 44, also 12 Kilometer erreiche ich nach 2:03 Minuten. Von hier aus sind es noch 850 Höhenmeter und 9 Kilometer bis zum Gipfel. Mont Serein, die Skistation kommt erst in 3 Kilometer, dafür werde ich gut ne halbe Stunde brauchen. Das Tempo ist wirklich nicht besonders hoch, ich geb es ja zu, aber 1600 Höhenmeter sind schon ein ziemliches Paket ...

2:23:43!!! Jetzt seh ich zum ersten Mal den Gipfel des Ventoux. Dieser rot-weiße Turm ist ein unverwechselbares Merkmal und ein jeder kennt das euphorische Gefühl sein Ziel vor Augen zu sehen - es ist nicht mehr weit!!!!!

Nach 2:37 h erreiche ich die Skistation und mann soll es nicht glauben, wenn es jetzt ein paar Grad kälter wäre würde es schneien - oder anders ausgedrückt es fängt leicht an zu tropfen - welch eine Erholung. Gleichzeitig finde ich auch die zweite Wasserflasche die wir hier heute morgen versteckt haben. Ich bin ziemlich optimistisch. Er wird kühler, die paar Regentropfen sind eine echte Erholung und noch nie hat einfaches Wasser so gut geschmeckt wie jetzt.

Hier am Parkplatz beginnt wieder die Zivilisation. Auf den letzten 14 Kilometern gab es Natur pur. Aber hier ... hier stehen Häuser, echte Häuser aus Stein gebaut und da sehe ich auch lebende Menschen ... is ja auch kein Wunder. Das Chalet Liotard, ein kleines Hotel hier oben auf fast 1500 Metern Höhe, steht markant am Strassenrand . Hier macht die Strasse eine 180 Grad-Kehre und führt erst einmal fast einen Kilometer in die falsche Richtung. Es wird nicht die letzte Serpentine bleiben. Das obligatorische "virage dangereux" - das Lieblingsschild der Motorradfahrer - darf natürlich nicht fehlen.

Nach einem knappen Kilometer kommt die scharfe Linkskurve und die Strasse führt jetzt zurück Richtung Anstieg zum Gipfel. Die Luft ist dünn und ich muss fast stehen bleiben um den Puls von 180 wieder runter auf 160 zu bringen. Die Strasse wird hier enger, den Randstreifen für die Radfahrer gibt es hier nicht mehr. Ich laufe links um den Gegenverkehr besser im Auge zu haben. Es ist offensichtlich, dass ich mich hier in einem Skigebiet befinde. Mehrere Schneisen im Wald kreuzen die Fahrbahn, ebenso der ein oder andere Schlepplift, welche jetzt im Hochsommer selbstverständlich nicht in Betrieb sind. Links unten liegt Mont Serein. Man sieht schön das Schwimmbad und die kleinen Häuschen die man mieten kann. Kilometerstein 39 passiere ich bei 2:59. 17 km hab ich geschaft - nur noch vier Kilometer und 300 Höhenmeter fehlen noch ...

Es ist 17:19 - Rike ist hoffentlich wie verabredet um viertel nach fünf in Entrechaux losgefahren. Sie wird mich in einer guten halben Stunde überholen. Ich brauche noch etwa 40 Minuten bis oben hin. Hoffentlich hat sie Wasser und etwas Schokolade dabei ...

Es kreuzt die schwarze Skipiste mit der Nummer 3 die Strasse, und wenn schwarze Pisten die Strasse kreuzen, dann kann sich jeder vorstellen wie steil das links und rechts hier ist.

Nach der letzten Rechtskurve um den Berg steuert jetzt die Strasse genau auf den Turm am Gipfel zu, allerdings sind es noch zwei Serpentinen mit langen, steilen, geraden Stücken dazwischen. Kilomater 18 erreiche ich auf Höhe 1687 ü. NN. der nächste Kilometer ist mit 9,3 % nicht gerade flach. Es gibt wenige Anstiege bei uns mit solchen Prozentzahlen. Die "Bitburger" überwindet vom Brückenkopf der Kaiser-Wilhelm-Brücke bis zur Autobahn gerade mal 190 Höhenmeter auf einer Strecke von 2,8 km. Das sind 6,8 %. Die Kohlenstrasse von der Tabaksmühle bis zum neuen Kreisel am LGS-Gelände gar "nur" 5,8 % (104 hm / 1,8 km).

Die Sonne brennt, mein Wasser geht zur Neige. Ich muss kämpfen und zähle die Minuten um etwas Ablenkung zu haben.

3:13 h - Rike fährt vorbei zum Gipfel und hat natürlich nix zu essen dabei und das Wasser ist Kofferraum ist p...warm. Egal hauptsache was zu trinken. Ich muss weiter ...

3:18 h - an der ersten Rechts-Serpentine liegt an einer schattigen stelle noch Schnee. Hier wächst kein Baum mehr, ich bin mitten in der so oft beschrieben Mondlandschaft. Die Strasse führt jetzt auf die Radarstation, diese große weiße Kugel, zu. Die Leitplanken zum Tal hin sind neu und aus Holz gezimmert. Es zieht sich ewig bis da oben hin ... nur noch 1,5 km ...

3:22 h - Rike bringt mir Schokokekse die sie oben am kleinen Kiosk besorgt hat. Ich entscheide mich für eine kurze Pause um mich beim Keksefuttern nicht zu verschlucken.

3:28 h - Die Pause ist beendet und ich mach mich weiter zu der Links-Serpentine bei der Radarkugel. Die Pause war absolutes Gift: Ich hab dicke Waden und keine Lust mehr, es fällt mir so schwer. Ich will nicht mehr ...

3:36 h - Der letzte Kilometerstein. Bei der Tour de France würde jetzt hier der Teufelslappen hängen nur noch 1000 Meter, das Ziel vor Augen - Euphorie steigt in mir auf ... Die Strasse macht hier eine langgezogene Rechtskurve. Links von mir liegt die weite Gipfel-Ebene. Es ist sehr windig, der Berg macht seinem Namen alle Ehre.




3:40 h - Noch 150 Meter, ich bin jetzt zwischen den beiden Türmen, und kann den kleinen Kiosk schon erkennen. Es ist herrlichstes Wetter und immer noch hat mich kein Radfahrer überholt. Ich werde die Etappe gewinnen :-)



3:43 h - Sieger!!!! Ich kann mich also jetzt in die Siegerliste der Etappensieger am Mont-Ventoux eintragen:

1958 Charly Gaul (LUX) (Zeitfahren)
1965 Raymond Poulidor (FRA)
1970 Eddy Merckx (BEL)
1972 Bernard Thévenet (FRA)
1987 Jean-François Bernard (FRA) (Zeitfahren)
2000 Marco Pantani + (ITA)
2002 Richard Virenque (FRA)
2006 Thomas Moritz (DEU)


die Eckdaten für die Statistik: 3:43 h 21 km 1549 Höhenmeter
hi 2:46 lo 0:07 in 0:49 avg 172 kcal 3557